Berichte über Festivals etc.

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Klassiker und Neuentdeckungen

20.000 Besucher bei Deutschlands größtem Festival für zeitgenössisches Figuren-, Bilder- und Objekttheater

Am Sonntag, 22. Mai, ging das 17. Internationale Figurentheater-Festival Erlangen, Nürnberg, Fürth, Schwabach zu Ende. Die Veranstalter zeigten sich sehr zufrieden: Zehn Tage lang präsentierten 55 Ensembles und Künstler aus 15 Ländern in über 100 Vorstellungen – darunter 13 deutsche Erstaufführungen und drei Premieren – die ganze Bandbreite dessen, was heute unter den Begriffen Figuren-, Bilder- und Objekttheater an den Schnittstellen zur Bildenden Kunst, zu Tanz und zur Performance-Kunst verstanden wird.

In Erlangen – wo das Festival vor Jahresfrist noch auf der Kippe stand und nur durch das Engagement der SIEMENS AG gerettet werden konnte – waren auch in diesem Jahr nahezu alle Veranstaltungen ausverkauft. Über 12.000 Besucher strömten in die zehn verschiedenen Spielstätten. Eine Auslastung von über 80 Prozent und rund 4.000 Besucher werden aus der Festivalstadt Nürnberg gemeldet. Tafelhalle und Festsaal des Künstlerhauses waren bei über der Hälfte der Veranstaltungen ausverkauft. Die überaus positive Entwicklung in Fürth hat sich auch in diesem Jahr fortgesetzt: 3.500 Besucher kamen hier in zwei restlos ausverkaufte Vorstellungen ins Stadttheater und in das regelmäßig bis auf den letzten Platz besetzte Kulturforum. Dabei konnte man beobachten, dass das Internationale Figurentheater-Festival die Besucher im Städtegroßraum in Bewegung zu versetzen vermag wie keine andere Veranstaltung. Davon profitierte auch die kleinste Festivalstadt: Der Papiertheater-Schwerpunkt in Schwabach wurde auch in diesem Jahr wieder nicht nur von den Schwabachern, sondern auch von vielen Besuchern aus dem ganzen Großraum wahrgenommen.

Mit der Compagnie Philippe Genty (Voyageurs Immobiles) im Erlanger Markgrafentheater, Système Castafiore (Stand Alone Zone) in der Nürnberger Tafelhalle und dem Ensemble Kontraste mit der Stummfilm-Komödie „Die Puppe“ auf dem Vorplatz des Kulturforums Fürth konnte das Festival gleich zum Auftakt das Publikum begeistern. Die Festival-Lieblinge wie Neville Tranters Stuffed Puppet (Punch and Judy in Afghanistan), die DudaPaiva Company (Bastard!), Klaus Obermaier (the concept of …here and now), Hotel Modern (City Now), Akhe (Pukh & Prakh), das Figurentheater Wilde & Vogel (Krabat) und die Compagnie Mossoux-Bonté, der eine eigene Werkschau und eine umfangreiche Ausstellung gewidmet war, standen in der Publikumsgunst im Mittelpunkt. Aber auch eine ganze Reihe von Festival-Newcomern wie die I’M’ Company von Ivana Müller (While we were holding it together), das internationale Künstlerkollektiv Superamas (Youdream) und der Puppenspieler Yeung Faï aus Hongkong (Hand Stories) in Erlangen sowie das Junge Theater Konstanz (A Clockwork Orange) in Nürnberg stellten sich als Überraschungserfolge heraus. Kontroverse Diskussionen lösten – wie erwartet – die Performance-Gruppe Schauplatz International (Sehnsucht nach Familie Krause), Showcase Beat le Mot (Peterchens Mondfahrt), die Falk Richter-Uraufführung des Puppentheaters Halle (Wenn es Nacht wird), sowie die radikale französische Choreografin Gisèle Vienne (Kindertotenlieder) aus, während Ulrike Quades mit Spannung erwartete Auseinandersetzung mit Knut Hamsun (The Writer) in Nürnberg auf große Zustimmung stieß. Auch die Premiere von Fitzgerald Kuszs „Fränkischen Jedermanns“ des Heppstädter Theaters Kuckucksheim wurde in Nürnberg, Fürth und Erlangen gefeiert. Für einen grandiosen Festivalabschluss im Fürther Stadttheater sorgte die Compagnie Le Boustrophédon (Court-Miracles), die das Potenzial dazu hat, zu den Festival-Lieblingen von morgen zu werden.

Das 17. Internationale Figurentheater-Festival hat wieder einmal bewiesen, wie lebendig die Figuren-, Objekt- und Bildertheaterszene in Europa ist, wie überraschend die Begegnung mit Tanz, Bildender Kunst und Neuen Medien sein kann und wie viele Impulse aus dieser Szene in die gesamte Darstellende Kunst ausstrahlen. Die Kontinuität des Festivals hat zu einer unvergleichlichen Akzeptanz beim Publikum im Städtegroßraum geführt, das nicht nur die Veranstaltungen ihrer „Lieblinge“ stürmt, sondern auch bereit ist, sich auf Unbekanntes einzulassen. Die über Jahre aufgebaute Beziehung zwischen dem Festival und seinen Zuschauern, um die das Internationale Figurentheater-Festival von vielen anderen Veranstaltern beneidet wird, macht einen wesentlichen Teil der ungebrochenen Faszination des Internationalen Figurentheater-Festivals aus. Die Veranstalter blicken deshalb zuversichtlich in die Zukunft: Das 18. Internationale Figurentheater-Festival Erlangen, Nürnberg, Fürth, Schwabach soll vom 3. bis 12. Mai 2013 stattfinden.

Bodo Birk, Erlangen
Hubertus Lieberth, Nürnberg
Claudia Floritz, Fürth
Annette Edler, Schwabach

www.figurentheaterfestival.de

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2. Pendel Marionettenfestival in Hohebuch
vom 29.-31. Oktober 2010


Früher hatten kleine Jungs den Wunschtraum,  Lokomotivführer zu werden. (Halloo – Jim Knopf!)  Heute ist es vermutlich eher der Weltraumfahrer.
Wenn mich eine Fee fragen würde – o ja, ich hätte auch einen Wunschberuf. Ganz einfach: Festival-Besucher. Nein, genauer: Puppenspielfestivaldauerbesucher. Mit goldener Allround-Eintrittskarte und einem Zeitbeamer, damit ich auch ja nichts von der Fülle verpasse.

Aber eines würde ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen, auch ohne goldene Eintrittskarte und Zeitbeamer  (den man dazu glücklicherweise gar nicht braucht):
Das PENDEL MARIONETTENFESTIVAL.
Es fand zum zweiten Mal statt und ist so ganz anders als alle vergleichbaren Veranstaltungen. Hier treten nicht verschiedene Bühnen mit ganz unterschiedlichen Figuren und Techniken auf. Hier kommt alles aus einer Quelle. Umso überraschender ist die Vielfalt.

Marlene Gmelin und Detlef Schmelz bauen seit 30 Jahren Marionetten und bieten sie zum Kauf  an für Menschen, die möglichst professionell spielen wollen. Ihre Figuren sind nicht nur sehr poetisch und schön, sie haben eine so perfekte (wenn es das überhaupt gibt) Technik, dass es eine Lust ist, sie zu bewegen. Dennoch – dieses Bewegen will gründlich gelernt sein. Darum bieten sie seit 15 Jahren Spielkurse an. Anfängerkurse, Fortgeschrittenenkurse, Theaterkurse. Aus den Theaterkursen sind inzwischen viele eigenständige kleine Marionetten-Theater in Deutschland und im europäischen Ausland entstanden.
Und so blühte die Idee eines Festivals auf, zum ersten Mal vor zwei Jahren.
Veranstaltungsort auch des zweiten Festivals war die Ländliche Heimvolkshochschule Hohebuch bei Künzelsau.
Besucher von weit her wohnen über die Tage hier, lassen sich von der liebevollen Küche verwöhnen und erleben von Anfang an, wie man in die hohe Kunst des Marionettenspiels hineinwächst.
Da gibt es zuerst das Spiel mit der Holzkugel an einem Faden. Dann eine mitreißende Choreographie mit Tüchermarionetten. Erst danach treten die ersten eigentlichen Marionetten auf, hier in einer Darstellung der vier Temperamente nach Texten des Clowns Nögge. Der pädagogische Aspekt dieser Übungen geht über die reine Spieltechnik hinaus: jeder Mensch hat sicherlich von jedem Temperament etwas in sich, aber der Spieler muss in der Lage sein, sich in jedes einzelne ganz hineinzuversetzen und es glaubhaft darzustellen.   
 Ein gelungenes Intermezzo mit einem Eisbären und einer  sehr wandlungsfähigen Kiste folgte.

Der festliche Eröffnungsabend zeigte gleich die wirklich »hohe Kunst« : Marlene Gmelin und Detlef Schmelz boten mit ihrem Pendel Marionettentheater »Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen«. Marlene Gmelin sprach zuvor das Andersen-Märchen mit einer ausdrucksvollen und ergreifenden Stimme. Dann spielten sie das ganze Märchen pantomimisch, mit wunderbar passender Musik und spannenden Lichteffekten. Am Ende blieb kaum ein Auge trocken.

An den nächsten Tagen entfaltete sich die ganze Bandbreite der persönlichen Gestaltungen, Ideen, Phantasien.
Das »Bärenwunder« nach einem Kinderbuch von Wolf Erlbruch mit Musik und Sprache von Gregory Charamsa wurde von einer Gruppe gespielt, mit viel Humor. Welche Freude, nicht nur bei den glücklichen Bäreneltern, sondern bei allen beteiligten Tieren, wenn am Ende tatsächlich ein niedliches Bärenkind über die Bühne tobt!
Dem Gruppenspiel gegenüber dann eine Solo-Darstellung vom armen, von Minderwertigkeits- Komplexen gebeutelten Hasen Karotte in »Was ist nur mit Karotte los?«, erfunden und gespielt von Christel Albrecht, Lautenbach. Es war ihr erster Auftritt, mutig, einfühlsam, mit klarer Sprache.

Da rührte der glühende Wunsch des kleinen Bären Pekka , endlich zu den Sternen zu fliegen, in »Pekkas Traum«, erfunden und gespielt von Edith Nikel, Marionettentheater Zaubervogel, Bad Homburg. Die Zuschauer überraschte die gelungene sprachliche und stimmliche Charakterisierung der einzelnen Figuren, aber das ungewohnte Sprechen in ein Mikrophon tat dem leisen poetischen Märchen leider nicht gut.
Gleich danach führte Elisabeth Schnorr, Marionettentheater Löwenzahn, Bad Vilbel, in die Turbulenz  des wilden Westens. »Im wilden Westen« heißt ihr Stück, in dem ein mutiger Rabe einen aufgeblasenen Gauner zur Strecke bringt und zum Helden von ganz Rabbit City wird.

Es erschienen literarische Texte in grundverschiedenen Gestaltungen:
Dr. Johannes Bockemühl aus Neuenweg spielt als einziger mit selbstgebauten Marionetten, und zwar die »Masurische Heirat« nach Siegfried Lenz. Er demonstriert überzeugend, dass der Marionettenspieler eigentlich auch selbst ein Schauspieler sein muss. Als Erzkomödiant bildet er eine vollendete Einheit mit seinen Figuren.
Hingegen ernst und hochkultiviert Dr. Angelika Steveling aus Essen, die die »Hexenküche aus Goethes Faust 1« in ein Zwiegespräch zwischen sich selbst und Mephisto bzw. der Hexe verwandelt. Hier ist das Puppenspiel kein Selbstzweck, hier steht die Begeisterung für Literatur durchaus im Vordergrund.

Selbst mit Bären, den beliebtesten Kinderfiguren, wurden völlig unterschiedliche Spiele dargeboten:
Die Stageworks Puppets, Daniela Schulz und Harry de Lon aus München, bieten mit ihren »Bearytales« eine rasante Show mit Nebel-, Licht- und Toneffekten über verschiedene Situationen im Bärenleben. Ein großer Spaß – mehr für Erwachsene.
Hingegen Dr.Bernhard Betz, Bärentheater aus Ilschwang, beweist vor allem Kindern mit »Überraschungen im Bärenwald«, dass ein Bär letztlich mit allem spielen und sogar Musik machen kann. Hier – wie auch in »Pekkas Traum« – werden die Texte gereimt gesprochen.

Ganz ohne Sprache, nur mit einem informierenden Vortext, spielten Edith Scheuermann und Klaus-Peter Steffe, Theater Kleine Leute aus Saarbrücken,  ihr Stück »Bio«.  Kampf einer kleinen Gartengemeinschaft aus Marienkäfer, Schnecke und Kohlrabi gegen einen  verfressenen Hasen – erfreulich durch gute Figurenführung und drollige Einfälle.
Sehr ernst hingegen die »Verwandlung« vom Marionettentheater Gurranja, Anja Gurr aus Kornthal. Eine leise anmutige Geschichte aus dem indianischen Kulturkreis. Eine Verwandlung auf offener Bühne darzustellen ist nicht einfach, aber Anja schafft es, einen Bären in einen jungen indianischen Krieger zu verwandeln.

Nach der großen Ruhe des Indianerspiels dann das furiose Finale: »Joe und Bernadette« ,halb Roadmovie , halb Musical, geschrieben und eingerichtet von Daniela Schulz und Harry de Lon. Hier gelang es tatsächlich, alle Mitwirkenden des Festivals gemeinsam auf die Bühne zu bringen, wobei das Gedränge  h i n t e r  der Bühne naturgemäß  größer war…..Raben-Qui Gong – Schach-spielende Spatzen – eine dramatische Mäuseliebe – nur die Stimmen der einzelnen Figuren sollten differenzierter sein. Aber Spaß und Spielfreude triumphierten.

Es muss noch gesagt werden, dass Daniela Schulz die Tonmanagerin für alle Bühnen ist und Harry de Lon als Beleuchtungsfachmann mit seiner großartigen LED-Beleuchtungsanlage alle einzelnen Stücke einleuchtet und somit den Spielern erspart, jeweils ihr eigenes Licht aufzubauen. Dadurch werden die Umbaupausen erheblich verkürzt – fast zu kurz, denn auch draußen im Foyer und in angrenzenden Räumen gibt es einiges zu erleben: eine Dia-Show, ein Fingerpuppentheater für Kinder zum Selbstspielen, ein geheimisvolles Orakel, und nicht zu vergessen die »Bettler«, die in allerlei Puppengestalt  charmant um Spenden bitten zum Ausgleich für die Unkosten.

Das Fazit: viele erstaunte  verwunderte  beglückte  lächelnde Gesichter, manchmal  feuchte Augen – und ein begeistert gefülltes Gästebuch. www.llbbgd.de/

Wir hatten ja im Oktober letzten Jahres unser Festival und haben jetzt darüber eine Extraseite eingerichtet. Eindrücke findet ihr unter: www.pendelfestival.info

Edith Nikel